Mensch Meier - Predigt von Abt Markus zum 10. Wallfahrtstag zum Geschändeten Heiland

Liebe Schwestern und Brüder!

Mensch Meier! Diese Redewendung in unserer Sprache ist ein Ausdruck des Erstaunens, der Erschreckens, vielleicht sogar des Entsetzens. Sie kann aber auch eine Form der Kritik, des Vorwurfs oder der Zurechtweisung sein.

Mensch Meier! Wenn wir so zu einem Menschen sagen, dann ist es zunächst einmal egal, ob einer jetzt Meier, Huber, Müller oder sonst wie heißt, denn diese Redewendung ist vor allem  Appell an das Menschsein, an unser Menschsein. Es ist ein Appell sich angesichts einer Handlung, einer Tat des Menschseins bewusst zu sein oder wieder bewusst zu werden.

Die Wallfahrt zum geschändeten Heiland, die uns heute hier in Waldsassen zusammengeführt hat, ist auch so ein Appell an das Menschsein, an unser Menschsein. Als ich die Geschichte vom geschändeten Heiland gelesen habe, ich kannte sie bis dahin nicht, da hat mich das sehr betroffen gemacht. „Mensch Meier“ oder auch „Um Gottes Willen“ lag mir auf der Zunge.

Ich habe mich aber auch gefragt, warum macht so ein Vorfall uns so betroffen, warum rührt uns das so an, warum geht uns das so nahe? „Eigentlich“ handelt es sich bei einem Kreuz doch „nur“ um einen Gegenstand, um totes Material. Ja es ist Material, aber als gelernter Schreiner kann ich sagen, dass Holz nie totes Material ist, sondern immer höchst lebendig. Darüber hinaus rührt die Betroffenheit der Menschen wohl auch daher, um es wieder mit einer Redewendung zu sagen, weil wir „aus dem gleichen Holz geschnitzt sind“. Da geht es nicht um Linde, Eiche oder Buche, sondern in dieser Redewendung geht es darum, dass uns die Zerbrechlichkeit, die Verletzlichkeit und Verwundbarkeit unseres menschlichen Lebens an so einem Kreuz vor Augen geführt wird.

Dieser geschundene und geschändete Heiland steht auch dafür, was Menschen einander antun können, welche Gräueltaten an Menschen immer wieder verübt werden. Jeden Tag liefern uns unsere Medien solche Nachrichten frei Haus, ob wir es sehen oder hören wollen oder nicht. Bei dem, was uns aus den Krisengebieten berichtet wird oder auch was bei uns zum Teil geschieht, sage ich mir manchmal schon: Mensch Meier! Warum ist das so? Warum tun Menschen sich das an?

Mensch Meier, wir sind doch alle aus dem gleichen Holz geschnitzt! Wir sind doch alle Menschen mit Stärken und mit Schwächen, Menschen mit Sehnsüchten und Gefühlen, wir erleben als Menschen Freude und Schmerz.

Das Zeichen des Kreuzes erinnert uns Christen an unser Menschsein, an unsere Zerbrechlichkeit und unsere Bedürftigkeiten. Es ist zugleich aber auch ein Appell an die Menschlichkeit im Umgang miteinander.

Im Abschnitt aus dem Johannesevangelium, den wir heute gehört haben, sagt Jesus selber über seine Sendung und sein eigenes Schicksal: Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.

So sehr hat Gott die Welt geliebt. Mensch Meier!

In dieselbe Richtung weist der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper, wo er schreibt: Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich selbst und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen. Wir sind aus dem gleichen Holz geschnitzt! Die Ehrfurcht, damit alle ihre Knie beugen, die Paulus daraus ableitet und einfordert, die schulden wir damit in erster Linie einander im gegenseitigen Respekt und im würdevollen Umgang, zur größeren Ehre Gottes des Vaters!

So sehr hat Gott die Welt geliebt. Mensch Meier!

Liebe Schwestern und Brüder, der geschändete Heiland wurde einst über eine Grenze geholt, deren Härte und Unmenschlichkeit in der Folgezeit viele von ihnen noch am eigenen Leib erlebt haben dürften. Diese Grenze hier in der Nähe ist überwunden worden, und über andere Grenzen wird inzwischen wieder heftig diskutiert und gestritten. Mir ist schon klar, dass man in der Flüchtlingsthematik nach neuen Lösungen suchen muss, dass man darum ringen und streiten muss. Bei aller Problematik und Komplexität, die die weltpolitischen Ereignisse und Entwicklungen aufwerfen, sollte man nicht vergessen, dass es auch so etwas wie sprachliche Grenzen gibt, wo die Würde von Menschen verletzt wird.

Ich möchte den Satz gar nicht nennen, der in den letzten Tagen durch die Medien ging. Ich denke Sie kennen ihn alle. Mensch Meier, um hier nicht einen anderen Namen zu nennen. Ich glaube man kann das auch anders sagen.

So sehr hat Gott die Welt geliebt! Auch wenn man es dem Heiland nicht gleich ansieht, er ist ein Zeichen der Liebe und des Lebens ist. Er ist ein Zeichen dafür, dass die Welt der Erlösung und der Rettung bedarf. Unsere Aufgabe ist es, an dieser Erlösung und Rettung mitzuwirken mit dem, was wir haben und was uns anvertraut ist. Dieses Stück Holz mahnt uns daran zu denken, dass wir alle aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Deshalb möchte ich schließen mit dem Gebet der vereinten Nationen, das über alle Nationen und Religionen hinweg an das Menschsein, an unser Menschsein appelliert: 

Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall.

An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen,

dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden,

nicht von Hunger und Furcht gequält,

nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse,

Hautfarbe oder Weltanschauung.

Gib uns Mut und die Voraussicht,

schon heute mit diesem Werk zu beginnen,

damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz

den Namen Mensch tragen.

Mensch Meier, Amen