Der Geschändete Heiland

Vandalismus einst und jetzt und was droht, wenn Ehrfurcht verlorengeht

Vor 75 Jahren trug sich am damaligen Eisernen Vorhang zwischen Waldsassen und Cheb (Eger) folgendes zu: Tschechische Soldaten reißen am 6. Februar 1951 die Egerländer Wallfahrtskirche „Zum gegeißelten Heiland“ der kleinen Ortschaft Wies nieder. Einer der Soldaten bringt ein Kreuz aus der Kirche heraus, tritt mit dem Fuß darauf und reißt die Christusfigur mit der Hand ab, so dass beide Arme des Gekreuzigten abbrechen. Die Holzteile des Kreuzes samt dem Christuskorpus wirft er in ein vorher entzündetes Feuer. Kurz darauf holt er die Figur wieder aus dem Feuer, legt dem Rumpf eine Schlinge um den Hals und hängt sie zwischen zwei Baumstämmen in der Straßensperre auf, so dass sie wie an einem Galgen baumelt. Ein
deutscher Polizeibeamter beobachtet alles und holt nach dem Abzug der Soldaten die Christusfigur über die Grenze und übergibt sie dem damaligen Stadtpfarrer von Waldsassen, der sie in der heutigen Basilika zur Verehrung anbringen lässt.

„Seht, der Mensch!“
Seitdem beten viele Menschen vor dem Geschändeten Heiland, finden vor ihm Trost und Hoffnung und sehen darin auch ein Bild des gequälten und leidenden Menschen. Immer brennen davor Kerzen und ich weiß um viele Menschen, die sich ihm anvertrauen. Leider war und ist das kein Einzelfall, denn immer wieder erschüttern Meldungen, dass in Kirchen, Kapellen und Friedhöfen randaliert wird und mutwillig heilige Zeichen beschmiert, angezündet oder zerstört werden. Das macht mich traurig und wütend zugleich. Was auch immer dahintersteht, auf jeden Fall fehlt ein Verständnis für das Heilige und damit auch der Respekt davor. Anders gesagt: Das Wort „Ehrfurcht“ ist nicht nur aus der Mode gekommen, sondern hat sehr oft keine Relevanz mehr und das nicht nur im Blick auf heilige Orte und Dinge, sondern auch zwischen den Menschen, ihren Beziehungen und im Umgang miteinander.
Der Geschändete Heiland in Waldsassen stellt die ernste Frage nach der Ehrfurcht. Diese geht tiefer, als danach zu fragen, was einem heilig ist. Religiöse Aspekte sind da mittlerweile selten, wenngleich ein Bewusstsein dafür eine Brücke zu Gott sein kann. Auch der Gedanke der Ehrfurcht setzt zunächst sehr menschlich an. Er gründet in der ursprünglichen Erfahrung, dass alle Wirklichkeit als Geheimnis erkanntund dann auch anerkannt wird.
Das Staunen steht am Anfang,und wer das noch kann, der wird dann der Wirklichkeit mit einer natürlichen Scheu und Zurückhaltung gegenüberstehen. Ich kann nicht einfach über sie verfügen. Das gilt erst recht vom tiefsten Geheimnis aller Wirklichkeit, von Gott selbst. Das Staunen über ihn und seine Liebe gründet in einem Ergriffensein von ihm und findet seinen Ausdruck im Schweigen, das zur Anbetung wird.

Verantwortung und Mut

Mag in dieser Sichtweise Ehrfurcht vielleicht passiv erscheinen, so ist sie doch auch sehr konkret. Bei der gemeinsamen Andacht in der Basilika zum 75. Jahrestag der Ereignisse, zusammen mit Vertretern der katholischen Pfarrei aus Cheb und der Polizeiinspektion Waldsassen, erinnerte der Erste Polizeihauptkommissar Harald Fuchs an den Polizisten Paul Hampel und seine beherzte Tat: „Das war kein spektakulärer Einsatz, sondern eine stille, respektvolle, menschliche Handlung mit der inneren Überzeugung, das Richtige zu tun. Der Geschändete Heiland, der bewahrt wurde, steht auch für die Verantwortung: achtsam zu sein, einander mit Respekt zu begegnen und das Verbindende stärker zu machen als das Trennende.“
Im Psalm 111 heißt es: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit. Gute Einsicht ist sie allen, die danach handeln.“ Nicht umsonst wird daher der Geschändete Heiland auch als der Heiland ohne Arme bezeichnet, der uns zusagt, dass wir heute seine Arme und Hände für ihn und seine Botschaft sind – ehrfürchtig und mutig.

Am 20. September 2026 um 10 Uhr findet in der Basilika Waldsassen der 20. Wallfahrtstag zum Geschändeten Heiland statt. Hauptzelebrant und Prediger ist Erzabt Jakob Auer von der Erzabtei St. Peter, Salzburg

Text: Thomas Vogl
Bilder: Pfarrei Waldsassen